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Hilfe in den schwersten Stunden

Bonifatiuswerk unterstützt Hospizdienst in der ostdeutschen Diaspora

„Hier, das habe ich dir mitgebracht!" Freudestrahlend läuft Tobias auf Pfarrer Heinrich Pera zu. In der Hand hält er ein selbstgemaltes Bild. Ein lustiger bunter Clown ist darauf zu sehen. „Danke, der sieht ja klasse aus! Fast so gut wie du." Verlegen lächelt der kleine Junge. „Aber ich habe doch viel weniger Haare!" Tobias, sieben Jahre, und Heinrich Pera, 64 Jahre, sind Freunde, seitdem der Knirps vor zwei Jahren an Krebs erkrankte. „Es ging ihm nicht gut", sagt Pfarrer Pera, „er war kaum ansprechbar, seine Blutwerte waren mehr als schlecht, und nach der Operation stand sein kleines Leben auf Messers Schneide. Lange dachten wir, dass er die onkologische Station nicht mehr verlassen würde. Aber dann schlug die Therapie an. Er hatte Glück, im Gegensatz zu Sebastian, 10, und Juliane, 17. Sie haben den Kampf mit dem Krebs verloren."

 

Herberge der Hoffnung

Pfarrer Pera leitet das Hospiz am St.-Elisabeth-Krankenhaus in Halle/Saale. Mit einem kleinen Team baute 1985 die Hospizarbeit auf. In dieser extremen Diaspora mit 4% Katholiken, 8% evan­gelischen Christen und über 80 % Kon­fessionslosen entstand zunächst eine ambulante Begleitung krebskranker Menschen. Mittlerweile gibt es auch ein stationäres Hospiz mit acht Betten, ein Tageshospiz und den ambulanten Kinder-Hospizdienst, der sich um krebs-kranke Kinder und ihre Familien küm­mert.

Hier erfahren erkrankte Menschen aller Altersstufen die ursprüngliche Bedeu­tung des Wortes Hospiz: Herberge, Gastfreundschaft. Dieser Ort der Nähe, Hilfe, Würde und Hoffnung, der offen ist für Menschen an der Schnittstelle von Leben, Krankheit und Sterben, ver­mittelt Geborgenheit und christliche Nächstenliebe. Pfarrer Pera berichtet: „Ich wurde und werde oft von Patienten gefragt, ob sie auch dann ins Hospiz kommen dürfen, wenn sie nicht an Gott glauben. Meine Antwort ist immer die­selbe: Wir helfen aufgrund unserer christlichen Werthaltung und weil Gott alle Menschen liebt."

Der Hospizdienst bedeutet eine Beglei­tung von Menschen in der schwierigen Endphase ihres Lebens, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Nationalität und sozialer Herkunft. Ziel ist, dass der Kranke möglichst ohne Beschwerden bis zuletzt leben kann, umsorgt von Familie, Freunden, Betreuern und Ärz­ten.

 

Leben hier und jetzt

„Steffi, tob nicht so wild! Du bist noch krank. Lass es bitte langsam gehen!", so appelliert der besorgte Vater an einem Aktionstag an seine kleine Toch­ter. Sie hüpft mit ihren Freunden und Geschwistern herum, assistiert dem Zauberer, rennt zum Kasperltheater, macht bei Fallschirmspielen mit und freut sich über den Kakao und die Plätz­chen. Mit ihren Freunden Lukas und Florian legt sie nun eine Pause ein. Den beiden sechsjährigen Jungen sieht man die Erkrankung an. Ihr schütteres bzw. nicht vorhandenes Haar sind ein deutli­ches der Chemotherapie. Ihnen steht hoffentlich eine Gesundung bevor. Auch wenn ca. 70 % der jährlich 35 neu erkrankten Kinder in den Haller Kliniken den Krebs besiegen, so bedeu­tet die Erkrankung einen langen Weg mit stationären Aufenthalten, ambulan­ter Betreuung, Rückschlägen und Hoff­nungszeichen.

 


  Jährlich kommen ca. 35 Kinder und Jugendliche
auf die onkologische Station in Halle

Seit ca. zehn Jahren richtet sich die Hospiz-Hilfe auch an tumorkranke Kin­der. Der ambulante Kinder-Hospizdienst begleitet Kinder und ihre Famili­en zu Hause, unterstützt die Eltern bei der Pflege sowie der Gesundung des Kindes oder nimmt Aufgaben ab. Dar­über hinaus gründeten betroffene Eltern den „Verein zur Förderung krebskran-ker Kinder e.V.", der seit drei Jahren das Haus „Kinderplanet" unterhält. Hier können die kleinen Patienten am Nachmittag ihre Zeit verbringen, kön­nen unter geschulter Betreuung tun, was ihnen Spaß bereitet (z. B. Basteln, Töpfern, Spielen, Malen, Musizieren), und Freunde oder Familienmitglieder treffen. Das Haus hält auch Zimmer für Angehörige bereit, wo sie während der stationären Behandlung ihres Kindes wohnen können.

Die Mutter von Steffi bringt es auf den Punkt: „Ohne die Hilfe des Hospizdiens­tes wäre ich oft verzweifelt. Nicht nur die ehrenamtlichen Helferinnen haben uns entlastet, auch die Gespräche mit dem Pfarrer waren ganz wichtig. Ich gehöre zwar keiner Konfession an, aber ich bekam eine Ahnung, was es heißt, an einen Gott zu glauben." Neben den bereits bestehenden Ange­boten an die Familien wird über kleine Aktionstage oder über den Besuch einer Märchentante oder eines Clowns auf der Krebs-Station oder im Kinderplanet nachgedacht. Für die Realisierung die ser Ideen fehlt allerdings momentan das Geld. Um den kleinen Patienten weiter­hin schöne Momente in ihrem Krank­heitsalltag zu ermöglichen, werden Spenden benötigt.


  Auf dem Weg der Besserung,
aber noch nicht geheilt:
Die kleine Melanie

 

Leben bis zuletzt

Es ist das Bestreben von Pfarrer Pera und seinem Team, die erkrankten Men­schen, seien es Kinder, Jugendliche, Erwachsene oder alte Menschen, auf ihrem Weg ins Unbekannte, in das Leben oder in den Tod, zu begleiten, sie nicht allein zu lassen, ihnen und ihren Familien eine schöne gemeinsame Zeit zu ermöglichen.

Erkrankte Erwachsene, die zu Hause ambulant versorgt werden, treffen sich regelmäßig im Tageshospiz, dessen Ein­weihung 1993 als erstes Tageshospiz in Deutschland erfolgte. Ziel dieser Ein­richtung ist, das Lebensumfeld der Kranken zu erweitern, das Heilende in einer Gruppe zu nutzen, die Angehöri­gen, Freunde und ambulanten Dienste zu entlasten. Einen ganzen Tag verbrin­gen sie miteinander, sprechen über ihre Situation, beschäftigen sich kreativ, führen seelsorgliche Gespräche, brin­gen in Bildbetrachtungen und Medita­tionen ihr Leben oder die Fragen nach dem Warum und nach Gott zur Spra­che.

Nicht alle Erkrankten haben das Glück, noch eine lange oder kurze Weile zu Hause leben zu können. Für sie ist das Hospiz der Ort, an dem ihr Leben endet. Hier können sie auf verschiede­ne Weise Abschied nehmen. Diesen angstvollen Weg ins Unbekannte gehen sie nicht allein, sondern werden ärztlich und seelsorglich begleitet. Sie bleiben in der menschlichen und wohlwollenden Atmosphäre des Hospizes bis zum letz­ten Atemzug. Ehrenamtliche Helfer set­zen sich zu ihnen, sind ihnen nahe und zeigen so ihr mit-leiden, aber auch ihre Hoffnung auf ein anderes Leben nach dem Tod.

„Sterben ist Leben vor dem Tod", sagt Pfarrer Pera. „Besonders in dieser Lebensphase fragen viele Patienten nach dem Warum, nach Gott. Auch die, die nie an ihn geglaubt haben, die nie mit Religion in Berührung kamen. Manch einer bittet dann: Beten Sie für mich! Oder so wie neulich, als jemand zu mir sagte: Ich möchte beten, aber ich weiß nicht, wie es geht."

Bischof Leo Nowak, Magdeburg, sagte im Hospiz in Halle: „Als Christen und als katholische Kirche in der Diaspora wol­len wir Hoffnungszeichen setzen in die­sem Hospiz und Mut machen zum Leben. Mein ausdrücklicher Dank gilt deshalb allen, die sich für die Hospizar­beit einsetzen, seien es Ehrenamtliche, Hauptberufliche oder Spender, die durch ihre Mitmenschlichkeit zum Ausdruck bringen, dass sich Gott uns im Nächsten zeigt, im Kind, im Jugendlichen und im Erwachsenen."

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt die Hospizdiens­te in Halle/Saale und trägt dazu bei, dass Kranke und ihre Familien Ab­wechslungen im Krankheitsalltag erfah­ren und in schweren Stunden nicht allein sein müssen.

 

Ute Hücker (Reportage aus dem Bonifatiusblatt Nr. 3, Jg. 2003)